Musiktherapie: Depression zum Ausklingen bringen – Teil 2

Im Elektrokardiogramm lässt sich sehen, wenn die beiden Steuerorgane des Herzens – der Vagus und der Sinusknoten – aus dem Gleichgewicht sind. Hierbei definiert sich ein Grundprinzip lebender Organismen: Durch eine hohe Vagusaktivität kann Selbstorganisation und Selbstheilung stattfinden.  …

Letzteres kann auch als Rhythmizität und Schwingungsfähigkeit bezeichnet werden. Bei depressiven Menschen ist diese Schwingungsfähigkeit eingeschränkt. Meine Aufgabe als Musiktherapeutin sehe ich darin, Menschen darin zu begleiten, durch Musik wieder einen achtsamen Kontakt zu sich selbst und anderen Menschen zu finden. Eine Balance an Aktivierung- und Entspannungsangeboten bilden das Fundament der musiktherapeutischen Interventionen.

Es gibt zwei unterschiedliche Wege. In der aktiven Musiktherapie werden einfach strukturierte musiktherapeutische Spiele angeboten. Alles, was klingt und Rhythmus erzeugt, hat Platz. Es können verschiedene Trommeln, ein Gong, Zupf- oder Seiteninstrumente sein, aber auch weniger bekannte klangerzeugende Instrumente wie die Kalimba oder ein Monochord sollen zum Ausprobieren anregen.

Die musiktherapeutischen Interventionen im Rahmen der rezeptiven Musiktherapie helfen, den eigenen Rhythmus wiederzufinden. Es sind basale Atem- und Körperübungen, mit denen sich die inneren und äußeren Begrenzungen bewusst machen lassen. Ziel ist ein positives und vielfältiges Selbsterleben. Einfache Rhythmen und Klangstrukturen im musikalischen Spiel können hier eine Stabilität schaffen.

Überaus wirkungsvoll ist für viele Menschen mit Depressionen ein Body-Scan am Anfang einer Sitzung. Es ist eine meditative Methode, gedanklich jeden Teil des eigenen Körpers wahrzunehmen und aktiv zu spüren. Diese Achtsamkeitsübung verfolgt das Ziel, ganz bei sich selbst zu bleiben, sich von Kopf bis Fuß wieder spüren zu lernen.

Diese Aufmerksamkeit für sich selbst auf eine nicht wertende Art und Weise im konkreten Moment, ist von großer Bedeutung. Dabei geht es sehr zentral auch um den eigenen Atemrhythmus, der eine Möglichkeit ist, zum Beispiel quälendes Gedankenkreisen zu stoppen. Auch die Regulierung von Impulsen wird in dieser Entspannungsarbeit gefördert. Auf diese Art und Weise kann es gelingen, durch gezielte Fokussierung auf Körpermechanismen die Balance zwischen innerer und äußerer Rhythmik wiederherzustellen.

von Dr. Anja Schäfer, MAS (Klinische Musiktherapeutin)

© sanochron gmbh, September 2022

Quelle: Schäfer, A. (2022). Depression zum Ausklingen bringen. Ausgabe 01/2022. Der Pragmaticus. Liechtenstein: Pragmaticus Verlag AG. Verfügbar unter: https://www.derpragmaticus.com/r/musiktherapie-depression/